Pierre Pflimlin

Pierre Pflimlin und die deutsch-französischen Beziehungen

Von Dr. Wolfgang Schäuble

Die Tatsache, dass Pierre Pflimlin nicht nur in französischer, sondern auch in deutscher Sprache einer der eindrucksvollsten Redner gewesen ist, die ich je kennengelernt habe, hangt eng damit zusammen, dass er eben auch eine der faszinierendsten Führungspersönlichkeiten in diesem insgesamt so glücklichen halben Jahrhundert seit dem Grauen des Zweiten Weltkriegs gewesen ist - für unsere gemeinsame Region am Oberrhein, für die deutsch-französische Aussöhnung und Freundschaft und für die europäische Einigung.

Ich habe in meinem inzwischen auch nicht mehr ganz kurzen politischen Leben viele der führenden Politiker der letzten Jahrzehnte auch persönlich erlebt. Wenn ich gelegentlich gefragt werde, wer mich am meisten beeindruckt hat, fallt mir immer Pierre Pflimlin ein. Und das haben viele in meinem Land so gesehen. Und deshalb war er bis in sein hohes Alter einer der überzeugendsten Befürworter der deutsch-französischen Zusammenarbeit und der europäischen Einigung. Und er war einer der am meisten nachgefragten Redner, wenn es darum ging, für diese europäische Einigung zu überzeugen.

Pierre Pflimlin par Claude Truong Ngoc 1975

 

© Claude Truong-Ngoc

Ich erinnere mich lebhaft, wie er noch in den späten 90er Jahren in Offenburg bei einer Freisprechungsfeier zu Tausenden junger Handwerker gesprochen hat, und wie er diese jungen Menschen beeindruckt und überzeugt hat von diesem großartigen Geschenk der
deutsch-franzasischen Freundschaft und des zusammenwachsenden Europa.

Im Januar 1976 habe ich in Offenburg eine Feier zum 100. Geburtstag von Konrad Adenauer veranstaltet - mit Kurt Georg Kiesinger, deutscher Bundeskanzler von 1966 bis 1969, und Pierre Pflimlin als Redner. Kiesinger kam unmittelbar von den Feierlichkeiten, die aus diesem Anlass in Bonn durchgeführt wurden, und er sagte nach der Rede Pierre Pflimlins, von all den zahlreichen Feiern zu seinem 100. Geburtstag hatte Konrad Adenauer selbst wohl diese am besten gefallen, und ich denke, dass Kiesinger damit Recht hatte.

 

Man muss heute daran erinnern, wie es Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre anfing mit dieser Entwicklung, die aus den Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer neuen Lage führte, wo wir uns Kriege in Europa gar nicht mehr vorstellen können, Schlagbäume und Grenzkontrollen nicht mehr kennen - ab Ende dieses Jahres auch nicht mehr da, wo bis 1990 der Eiserne Vorhang mitten durch Europa ging.


Und heute haben wir eine gemeinsame Währung in Europa, und bei allen Schwierigkeiten im Einzelnen sind wir doch auf dem Weg, Europa zu einer handlungsfähigen Einheit zu entwickeln, die einen wesentlichen Beitrag leistet, damit unsere eine Welt in diesen Zeiten der Globalisierung nicht aus den Fugen gerät.


Ohne die deutsch-französische Aussöhnung und Freundschaft wäre das niemals auf den Weg gekommen, und ohne die deutsch-französische Freundschaft und Zusammenarbeit wird das auch in Zukunft nicht funktionieren. Das erscheint heute ganz selbstverständlich, und da liegt dann schnell die Gefahr nahe, dass man das Selbstverständliche gar nicht mehr so sehr schätzt. Umso wichtiger ist, nicht zu vergessen, wo wir herkommen und wie kostbar das ist, was wir dank dem Wirken von Persönlichkeiten wie Pierre Pflimlin erreicht haben. Und aus diesem Erbe müssen wir immer neu die Verpflichtung ableiten, weiterzuarbeiten, weiter zu bauen an diesem einigen Europa, das dem Frieden in der Welt dient und dem Glück der Menschen in allen seinen Teilen. Und ohne die Zusammenarbeit der Franzosen und der Deutschen, die im Herzen Europas dessen Geschichte im Guten und im Schlechten maßgeblich beeinflussen, geht das nicht.
Für uns am Oberrhein war Pierre Pflimlin ein besonderes Glück, und deshalb hat er unsere grenzüberschreitende Zusammenarbeit maßgeblich vorangebracht. Dies hat uns auch persönlich zusammengebracht, und Pierre Pflimlin ist mir ein väterlicher Freund geworden - was zum Kostbarsten in meinem politischen Leben gehört. Sie werden die persönliche Bemerkung nachvollziehen können, dass auch die Lebensspanne meines Vaters von 1907 bis in den Juni 2000 reichte.

Angehörige von Grenzregionen wissen um ihre europäische Verpflichtung, weil sie unter Kriegen und Streitigkeiten in unserer europäischen Geschichte mehr noch als andere gelitten haben. Nicht zufällig kamen die großen Europäer der Anfangszeit wie Robert Schumann, Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi aus Grenzregionen - und Pierre Pflimlin eben auch. Auf den Erfahrungen zweier Weltkriege und zweier diktatorischer Systeme gründete seine Überzeugung, für eine auf die europäische Humanität und ihre Wurzeln aus dem christlich-jüdischen Erbe und der Aufklärung gegründete Ordnung zu arbeiten, die Freiheit und Gerechtigkeit verwirklicht und die auf Zusammenarbeit und Solidarität über Grenzen hinweg setzt.

Und weil er um die Gefahr des Rückfalls und des Scheiterns wusste, hat er geworben, für diese europäische Einigung und die deutsch-französische Zusammenarbeit, unermüdlich vor allem bei jungen Menschen. Welche Überzeugungskraft, welches Feuer noch in ihm loderte, das haben viele von uns bei der grandiosen Rede, die er an seinem 90. Geburtstag im Palais de l'Europe gehalten hat, noch einmal gespürt.

Wir alle haben Grund, ihm dankbar verpflichtet zu bleiben und sein Erbe zu wahren und  weiterzuentwickeln. Wir alle sind stolz auf ihn. Und in diesem Stolz symbolisiert sich auch ein wenig die Zentralfunktion, die Straßburg für unsere gemeinsame Heimat am Oberrhein hat, und die nicht nur symbolische Bedeutung, die Straßburg für die deutsch-französische Zusammenarbeit und für die Einigung Europas auch in der Zukunft spielen wird.